Die Ökonomen Reiner Eichenberger und Daniel Stadelmann erklärten Anfang 2020, dass das Klimaproblem durch Kostenwahrheit “erstaunlich leicht zu bewältigen” wäre. Zukünftige Schäden müssten hierfür wissenschaftlich geschätzt und ausnahmslos allen heutigen Verursachern über eine CO2 -Steuer in Rechnung gestellt werden. Gut gemeint und leicht gesagt. Doch wie soll eine globale Vereinbarung zwischen den weltweit konkurrierenden Staaten (1) zu Stande kommen? Wissenschaftlich-technokratisch und machtpolitisch lässt sich eine Kostenwahrheit im System der Wirtschaftsexpansion mehrheitlich nicht zu einer global verbindlichen Anerkennung bringen. Selbst wenn für gewisse Sachgebiete eine theoretische Einigkeit als Grundlage für die Umsetzung von Kostenwahrheit zustande kommen würde, dann ziehen einzelne Staaten ihre Argumente für einen Aufschub ins Feld. Sie argumentieren mit den Sachzwängen ihrer Volkswirtschaft, setzen eine mögliche, international erwogene Umsetzung auf eine ausweichende Argumentationsschiene und sitzen diese dann gemeinsam mit den beteiligten Staaten auf unbestimmte Zeit aus – bis zur nächsten Weltkonferenz (2). Ausserdem: für die Durchsetzung eines Entscheides, welcher in irgendeiner Weise die Wirtschaft betrifft, braucht es die Zustimmung der entscheidenden vier Staaten (3). Wir können seit Jahrzehnten verfolgen wie internationale Beschlüsse immer wieder zum Schaden des Planeten hinausgezögert werden, wenn diese den Mega-Staaten, aus wirtschaftlichen, taktischen oder innerpolitischen Gründen nicht genehm sind (4).

Eine globale Konsenzfindung mit Verpflichtung (commitment) zur Kostenwahrheit scheint praktisch unmöglich ohne einen eminenten Druck von aussen; was immer das sein wird.

In unserer Zeit können wir kaum einen Einfluss nehmen auf diese globale machtpolitische Pattsituation. Verursachergerechtigkeit (5), einzufordern statt Wahrheit der Kosten ist bedeutend einfacher – zumal wenn wir wirtschaftlich unabhängiger werden und mit unserer eigenen Lebensweise vorausgehen.

Gemäss den Verhaltensgrundlagen der Ökonomischen Theorie (6) bleibt also der zweite Einfluss des ökonomischen Konzepts: das Mitgefühl (sympathy). Konzentrieren wir uns darauf und auf die Verursachergerechtigkeit; da können wir wirksam bei uns selbst bleiben. Mehr Gewicht als wie in der Machtpolitik haben wir zweifellos als reduzierende Konsumentinnen und Konsumenten, die sich sorgsame Qualitäten in der Lebenswelt wünschen.

Wenn wir uns im selben Geiste global finden können – auch wenn unsere Zahl nicht riesig, aber bestimmt ist – können wir uns in ein selbstbestimmtes Feld von zukunftsweisender Suffizienz (7) bewegen.



(1) Diese bauen hoffentlich nur noch militärischen Drohkulissen auf, sind aber tatsächlich in einem immer schärfer sich aufführenden Wirtschaftskrieg gegeneinander verstrickt und verfeindet.

(2) In Erich Kästners: “Die Konferenz der Tiere” sind es Motten, die einem sinnlosen Habitus den Garaus machen. Vielleicht sind es heute bestimmte Viren, die das Feld für eine neue Ökonomie vorbereiten.

(3) Dazu zähle ich die USA, China, Russland und Indien; also grosse Staaten mit Atomwaffen.

(4) Ausnahmen sind z. B. die Einführung des bleifreien Benzins Mitte der 80-er Jahre oder das FCKW- Verbot 1987 durch das Montreal-Protokoll. FCKW wurde als Ozon-schädigender Stoff ersetzt durch HFKW, welcher jedoch die Erderwärmung enorm beschleunigt. Dieses soll nun in gewissen Ländern schrittweise ersetzt werden. Bis sich die Weltwirtschaft auf einen neuen, vermeintlich unschädlichen Stoff oder Verfahren geeinigt hat, werden nun wieder etliche Jahre vergehen.

(5) Gerechtigkeit, dies zeigen erste Klagen gegen Grosskonzerne, lässt sich, wenigstens in westlichen Staaten besser einfordern als Kostenwahrheit, die endlos durch wissenschaftliche Untersuchungen, Statistiken und Berichte hinausgezögert werden (Beispiel Klimaerwärmung). In der Forderung nach Gerechtigkeit können wir -durch den eigenen gesunden Menschenverstand –  bei unseren RichterInnen mehr erreichen.

(6) Beschrieben z. B. in “Rationale Dummköpfe”, ein Essay von Amartya Sen, Reclam 1977

(7) Es steht ausser Zweifel, dass wir unsere persönliche Lebenshaltung den ökologischen Grenzen, der Biosphäre unseres Planeten in einer für allem Menschen gerechteren Weise anpassen wollen. Der kreative Prozess dazu liegt nach meiner Sicht in der Gestaltung einer ökosozialen Kreislaufwirtschaft, die eine neue Qualität von Reduktion des Unwesentlichen ins Zentrum stellt.